Die Suche nach dem Gold

Die Suche nach dem Gold

Dienstag, 9. Oktober 2007

Umziehen für Fortgeschrittene, Akt vier

Tagebuch eines Umzugskünstlers

Tag zehn:
In den meisten Internetforen gibt es ein nettes Feature. Sobald jemand böse Schimpfworte benutzt und veröffentlichen will, wird das Schimpfwort entweder geixt oder automatisch durch ein harmloses Wörtchen ersetzt. Aber ich schweife ab. Ich habe mit dem Bauleiter gesprochen, der für die Sonnenblume auf der himmelblauen Baustelle verantwortlich ist. Und er ist ein Liebling. Von den Versprechungen, die seine Firma meinem Vermieter schon vor Monaten gemacht hat, will der Freund nichts mehr wissen. Das bedeutet zwar keinen Stillstand (immerhin: ich darf jetzt in meiner Wohnung auf die Toilette), aber weitere Verzögerungen. Ich habe genug. Das Tagebuch eines Umzugskünstlers schließt an dieser Stelle mit einer Bitte. Mögen seine Leser dem Verfasser morgen von 8 bis 9 Uhr die Daumen drücken. Dann steht die mündliche Zwischenprüfung an. Über das Ende des Umzugskünstlerdaseins wird zu gegebener Stunde informiert. Kommt Zeit, kommt Rat.

Tag neun:
Nichts neues, aber freut euch schon auf morgen!

Tage sechs bis acht (Wochenende):

Jetzt haben sie es geschafft: Ich habe Angst, nachts auf die Toilette im Erdgeschoss zu gehen. "Wohnst du jetzt schon hier?", fragte mich der Fließenleger am Freitag. Auf meiner Aggressivitätsskale befand ich mich recht weit oben, aber weit genug unten, um mich beherrschen zu können. "Hast du keine Angst?", fragte er weiter und berichtete von nächtliche Besuchern, die man morgens erst von der Baustelle verscheuchen müsse. Ein klein wenig beruhigend ist, dass ich meine Wohnung mittlerweile abschließen kann. In der ersten Nacht nach dieser Mitteilung entschied ich mich dennoch für den doppelten Schutz - und schloss auch die Tür zum Flur ab. M., der stets bemühte Vorarbeiter, hat angekündigt, den Bauleiter vorbeizuschicken. Und den Tipp gegeben, ihm gegenüber ruhig ein bisschen energischer aufzutreten. Mal sehen, ob es dann klappt mit Heizung, Fußbodenleisten, Gegensprechanlage, eigener Toilette, Dusche, warmen Wasser (...) Ich habe derweil einen neuen Sport für mich entdeckt. Ich jage Hermes-Postboten durch die Stadt und frage sie, ob sie nicht ein Päckchen für mich haben. Der Briefkasten fehlt immer noch.


Tag fünf:
Irgendwann mittags stelle ich fest, keinen Strom mehr zu haben. Wird schon wieder wiederkommen, denke ich mir, und schlafe meinen Mittagsschlaf der Gerechten weiter. Um 18.40 Uhr ist das Haus verlassen - und mein Strom trotzdem noch nicht da. Also fahre ich in die bis tief in die Nacht geöffnete Teilbib der Juristen, plaudere mit Platon und genieße die Rückenansicht von fleißigen Juristinnen. Und sonst? Sonst nichts! Status Quo! Hmpf!

Tag vier:
Was mir aufgefallen ist: ich muss immer erst dann auf die Toilette, wenn mir bewusst wird, dass ich kurz zuvor in der Uni-Bib oder am Orte der Nahrungsaufnahme hätte gehen können. Dann ist aber zu spät, und ich muss ins dunkle Erdgeschoss. Positives: Mittlerweile habe ich fließendes Wasser. Negatives: eine eigene Toilette gibt’s trotzdem nicht. Der Installateur hat falsche Teile geliefert bekommen. Beruhigendes: Der nächste Versuch kommt bestimmt.

Tag drei:
Keine besonderen Fortschritte, keine besonderen Vorkommnisse. Das heißt, eines: spätabends, ich war gerade von meinem Besuch auf der Toilette im dunklen Erdgeschoss zurückgekehrt, hörte ich Geräusche im Haus, die ich zunächst ignorierte. Irgendwann schaute ich doch mal nach - und identifizierte den (noch ungefüllten) Kühlschrank als Schuldigen. Das Summen, Brummen, Gurgeln und Gurren, sagt die Bedienungsanleitung, gehört aber zu den normalen Geräuschen.

Tag zwei:
Wann beginnt Luxus? Mit Elektrizität und Licht? Oder erst mit der Kombination zwischen Elektrizität und fließendem Wasser? In dem Fall muss ich noch bis Mittwoch auf Luxus warten. Aber immerhin sehe ich mehr als gestern. Meine Schreibtischlampe brennt und über mir hängen Glühbirnen. Dumm nur, dass ich schon wieder für kleine Umzugskünstler müsste. Ob das Institut für Psychologie der Uni Wü wohl noch immer offen hat, jetzt um 21.40 Uhr? Das ist nur zwei Gehminuten von meiner Baustelle entfernt und hat eine nette Toilette. Das man die Dinge auch immer erst zu schätzen weiß, wenn man sie nicht mehr hat. Aber ich glaube, ich bleibe doch lieber im Bett. Es ist etwas frostig, so ganz ohne Heizung. "Am Donnerstag bekommen sie die", hat mein Vermieter C. versprochen und dann besänftigend gesagt: „Es ist ja noch nicht allzu kalt draußen zurzeit.“ Der Monteur, der mir zu dem Zeitpunkt gerade eine schicke Küche bastelte und in der Nähe stand, konnte nicht mehr vor Lachen. Wenn Blicke töten könnten…

Tag eins:
Der Verpackungsmüll empfängt mich an der offenen Eingangstür. Es ist zwei Stunden vor Dunkelwerden, deswegen umarme ich das Licht, bevor es weg ist. Strom gibt’s heute noch nicht. Das Abendessen kommt vom Pizzaservice und wird am Ort des Zubereitens verschlungen. Das Licht dort ist zu verführerisch. Danach begleite ich D. und M. ins Kino. „Und du willst wirklich in diesem großen dunklen Haus ganz alleine schlafen? Ich hätte eine Riesenangst“, sagt D. nach dem Film. Ich bedanke mich für seine Offenheit und verkrieche mich zwischen Schlafsack und Bettdecke, die ich mit Hilfe meines Handydisplays gefunden habe. War kein großes Problem. Meine Wohnungstür ist schließlich unabschließbar. Musik will ich nicht zu laut hören, damit sie niemand im Haus hört und sich angezogen fühlt. „Ich hätte sie laut gemacht, damit ich niemandem im Haus höre“, verrät mir D. Niemanden bzw. nichts. Keine Geräusche. Ich schlummere gut.

Kommentare:

Mari hat gesagt…

Schreib weiter so! :D

Ansonsten wünsche ich dir viel Glück an deiner neuen Wohnstätte. Als ich neun war, zogen meine Eltern mit uns vier Kindern in unser neuerbautes, aber leider nicht zum richtigen Zeitpunkt fertig gewordenen Haus um - wir lebten eine Zeitlang ohne Licht und mit einer alten, wackeligen Bautür und ohne Heizung.. war witzig. Oder auch nicht. Zumindest abenteuerlich. Ich verstehe dich also ein wenig. :)

Mari

penny hat gesagt…

Sagt die Bedienungsanleitung wirklich, dass der Kühlschrank gurrt? Und vor allem: gurrt der Kühlschrank? ;)

ben hat gesagt…

Stimmt Mari. Ist witzig so. Oder auch nicht ;-) Ach, und Penny: Nun ja, ähm, (hüstelt). Nein, da steht nichts von Gurren. Aber von Surren. Und das ist ja immerhin fast das selbe.