Die Suche nach dem Gold

Die Suche nach dem Gold

Sonntag, 7. Oktober 2007

Umziehen für Fortgeschrittene, Akt drei

Es ist soweit: Morgen gehts in mein ganz persönliches Dschungelcamp. Die Herausforderung: Leben auf einer Baustelle, ohne Strom und fließend Wasser, zumindest mal für ein, zwei Tage. Bis zum 16. Oktober, so die Ansage von Vermieter C., der ich irgendwie nicht zu 100 Prozent Glauben schenken will, soll alles geregelt sein. Neun Tage noch - vielleicht mit jede Menge Stoff für Akt vier. Aber zunächst: die spektakulären Erlebnisse von 20 sensationellen Stunden.

Der Plan war schlicht, aber durchdacht. Freitagabend Fahrt nach Würzburg, mit einem Zwischenstop in Ludwigsburg zwecks Möbelkauf, Aufbau des Bettes in der Wohnung mit R. und D., Weiterarbeit bis zur Lustlosigkeit, Einweihung des Bettes mit R. allein, Entgegennahme der Küche am nächsten Morgen und entspanntes Zuendeschrauben der in der Nacht ignorierten Möbelstücke. Doch schon der Besuch beim schwedischen Möbelhaus mit den vier gelben Buchstaben auf blauen Grund, dessen Name hier aus Gründen der Rücksicht nicht genannt werden soll, machte mir einen Strich durch die Rechnung - und das nicht, weil die Schlangen an den grob geschätzt 18 Kassen jeweils gefühlte 50 Meter lang waren. Der Grund hieß Allak, von dessen Verfügbarkeit ich mich im Internet vergewissert hatte, im Laden aber vor einem leeren Regal stand. Das darauf resultierende Drama soll in Form eines kleinen Theaterstücks präsentiert werden:

B. (das bin ich): Hallo, ich hätte gerne einen Allak-Stuhl. Laut Homepage haben sie den.
Mitarbeiter 1: Haben sie in den Regalen daneben geschaut. Da müsste einer sein.
B.: Da ist keiner.
R.: Haben sie vielleicht in ihrem Lager noch einen?
M1 (mitfühlend): Nein, tut uns leid. Wenn da keiner mehr ist, haben wir auch keinen mehr. Morgen müsste eine neue Lieferung kommen.

(B. wendet sich frustriert ab, R. legt die Stirn in Falten und kontrolliert noch einmal das leere Regal und die Stockwerke darüber.)
R. (zu B.): Ha, wusste ich es doch. Schau mal da oben, im dritten Stock. Da hast du deinen Allak. Gleiche Produktnummer.
B. (zu M1): Wir haben Allak gefunden. Da oben, im dritten Stock (zeigt zu Allak). Bitte lassen sie ihn für uns herunterholen.
M1: Das geht nicht. Verbot von der Berufsgenossenschaft. Dürfen wir nicht während der Öffnungszeiten.
R.: Dann warten wir eben. Sie schließen ja eh in einer halben Stunde.
M1 (kleinlaut): Das geht nicht.
R.: Hören sie. Wir lassen uns nicht von ihnen anlügen. Sie sagen, sie hätten keinen Stuhl mehr da und kurz darauf finden wir ihn. Wir sind extra aus Würzburg hergefahren und das schon zum zweiten Mal. Wir wollen jetzt diesen Stuhl.
M1 (greift zum Telefonhörer): Ja, hallo, hier ist M1. Hier sind zwei Kunden, die kommen extra aus Würzburg und wollen einen Allak. Dazu bräuchten wir aber einen Gabelstabler... Ja... Ja, ich verstehe (legt auf). Wir dürfen das nicht machen.
B.: Ich habe vorhin im Internet geschaut. Da stand, sie hätten den Stuhl vorrätig. Nur deswegen bin ich hergefahren.
M1: Tut mir leid. Da war wohl jemand schneller als sie.

(B. verdreht die Augen, geht mit R. ab und versteckt sich im Billy-Regal-Gang. B. zückt sein Handy, ruft D. an): Ich will mal was testen.
D.: Hallo B., was gibts?
B.: Hi D., geh mal bitte ins Internet und schau, ob **** in Ludwigsburg Allak vorrätig hat.
(Die Zeit verstreicht. Internetprobleme verzögern die Sache. B. wird zunehmend nervöser)
D.: Jetzt hab ichs. Ja, der Stuhl ist da.
B.: Prima, danke. Ich melde mich später noch mal.

B. (geht zu M2, wild entschlossen und leicht gereizt): Ich will mit ihrem Vorgesetzten sprechen.
M2: Warum?
(B. erklärt die Situation)
M2 (gelangweilt): Sie können sich gerne beschweren. Da vorne ist unser Kundenservice.

(B. und R. marschieren wild entschlossen in Richtung Kundenservice, warten zuerst und stellen dann fest, dass sie eine Nummer hätten ziehen sollen. Auf der Anzeige erscheint "Es warten vier Kunden vor ihnen". Aus den Lautsprechern tönt die Ansage, dass der Laden jetzt schließe.)
R. (zu B.): Darf ich mit rechtlichen Schritten drohen? Bitte, bitte.
B.: Ja, ja, okay.
(B. und R. warten, bis ihre Nummer dran ist, gehen dann an den Schalter)
Kundenbetreuerin (freundlich): Was kann ich für sie tun?
(R. erklärt die Situation in ruhigem Ton, B. steht schweigend daneben)
K.: Um welches Produkt handelt es sich und wann haben sie sich im Internet darüber informiert, dass es vorrätig ist.
B. (unverständlich, mit geplatztem Kragen): Vor 15 Minuten
K. (erschrocken): Wie bitte?
B. (mit gefletschten Zähnen, aber verständlicher): Vor 15 Minuten
(K. greift zum Hörer, spricht mit einer wichtigen Person, nickt)
K.: Ja, ich weiß. Ich habe auch seit zehn Minuten Feierabend. Ja... Okay... Ja, ich geb das so weiter. (wendet sich B. und R. zu): Okay, sobald alle Kunden aus der Halle verschwunden sind, kriegen sie ihren Stuhl.
R.: Vielen Dank.
B.: Danke.

Tatsächlich wurde kurz darauf gegabelstapelt, überwacht von der Filialleiterin oder sonst einem hohen Schichttier. Und B. konnte hinterher sogar darüber lachen, dass das "Guter Kunde, böser Kunde"-Spiel so fein funktioniert hat. Nicht mehr gelacht hat er dann, als er auf der A81 die letzte Ausfahrt rechts liegen ließ und kurz darauf auf der A3 vor Würzburg vier Kilometer vor seiner Ausfahrt mitten in einen 20-Kilometer-Stau geriet. Oder als er eine Dreiviertelstunde später in der Wohnung feststellte, dass der Strom offenbar "ausgegangen" war. Oder als er tags darauf nach knapp vier Stunden Schlaf auf D.s Matratze im "Gästezimmer" wieder aufwachte, weil er aufwachen musste, weil die Küche bald kommen sollte. (Sie kam, das nur am Rande, übrigens zwei Stunden später). Oder als die Bedienungsanleitung für sein neues Bett von fünf verschiedenen Typen sprach, aber nirgendwo verriet, welcher Typ der seinige war. Oder als die fleißigen R. und D. (denen er auf ewig für ihre handwerkliche Hilfe dankbar sein wird) vergaßen, Bettbeine anzuschrauben.

Aber was sind das schon für Probleme, wenn man sich auf das immer näher rückende Leben in einer schicken eigenen Bude vorfreut? Den fortgeschrittenen Umzieher kann nichts mehr schocken.

Kommentare:

penny hat gesagt…

Hach, wenn man das so liest, kriegt man fast Lust umzuziehen! ;) Zum Glück ist es bei mir wahrscheinlich in den nächsten Monaten wieder mal so weit...

Anne hat gesagt…

Hach, wenn man das so liest, dann läuft es einem heißkalt den Rücken runter, beim Gedanken an die eigene halbfertige Wohnung. Improvisieren lässt sich viel und Provisorien halten auch erfahrungsgemäß immer am längsten, aber ... ich drück dir die Daumen dass zumindest das mit Strom und Wasser bald klappt.

ben hat gesagt…

Beglückwünscht mich: seit heute Nachmittag bin ich stolzer Besitzer mehrerer funktionierender Stromquellen. Und am Mittwoch kommt das Wasser. Und am Donnerstag die Heizung. Vielleicht, ja vielleicht, kann ich auf Akt vier sogar verzichten. Oder bin ich doch nur ein hoffnungsloser Optimist?