Die Suche nach dem Gold

Die Suche nach dem Gold

Dienstag, 10. November 2009

Die Raritäten und ich

Es gibt in Vanilla Sky eine Szene, da sitzt der von einem Unfall schwer entstellte Tom Cruise (David Aames) vor einer Horde von Doktoren und guckt doof aus der Wäsche. "Ärzte", sagt er angewidert aus dem Off. "Ihre Macht liegt in ihrem Fachchinesisch." Und dann, gewissermaßen aus Rache, sprudelt es aus ihm heraus. Er schlägt zurück. Mit einem Fachchinesisch, das man sich viermal anhören könnte und es noch immer nicht verstehen würde. Ich muss häufig an diese Szene denken.

Eigentlich hätte ich zurzeit genug damit zu tun, mich mit Kants Unfähigkeit, sich verständlich auszudrücken herumzuschlagen. Oder mit der EU. Oder mit dem Grundgesetz. Aber heute war ich mal wieder bei meinen Würzburger Neurochirurgen - und genoss ein weiteres Mal das ambivalente Gefühl, Ärzte mit meiner Geschichte zu beeindrucken. Dr. V. kümmerte sich um mich, weil meine eigentliche Neurochirurgin im OP stand. Ich bin es mittlerweile gewohnt, dass Dinge nicht so laufen wie sie sollen. Wenn man immer wieder zwischen vier oder fünf Ärzten verschiedener Fachrichtungen hin- und herreist, bleiben Missverständnisse und Versäumnisse nicht aus. Und bei V. fühlte ich mich in guten Händen (sein vollständiger Name liest sich in seiner Melodik wie der eines Virtuosen). Er ist Leiter der Sektion Tumorbiologie der Uniklinik Würzburg und hatte mit einer neuropathologischen Kollegin gesprochen, die auf ihrem Gebiet eine landesweit anerkannte Koryphäe sei. Wie geschrieben, hatte sich Tom, das ehemalige Etwas in meinem Kopf, ja nicht wie vermutet als Tumor, sondern als Entzündung der Blutgefäße (Angiitis) herausgestellt, hervorgerufen durch irgendeine autoimmune Fehlfunktion (also nicht durch Viren oder Bakterien). Meinen Stuttgarter Neurologen hatte das sehr gewundert, weil ihm der Zusammenhang zwischen der Angiitis und der Neurofibromatose nicht klar war. V. erklärte mir nun in Rücksprache mit Prof. Koryphäe (vergaß ihren Namen), dass es keinen einzigen dokumentierten Fall gebe, in dem beides zusammengefallen war - auch wenn die Statistiker zurzeit über eine Häufung der Fälle diskutieren würden (ohne, das muss man bei diesen Empirikern betonen, einen Beweis dafür zu haben).

Der logische Schluss, den man daraus schließen müsse, ist, dass Tom und die Neurofibromatose in keinem Zusammenhang stehen, was insofern ein spannender Akt des Zufalls ist, weil beides (sowohl die Angiitis, als auch die NF) zu den medizinischen Raritäten gehören. Und wie ihn Sherlock Holmes gelehrt habe, meinte V., sei es sehr wahrscheinlich, dass - wenn zwei ungewöhnliche Phänomene zusammenkommen - sie in einem Zusammenhang stehen. Tun sie aber nicht,. Und ich weiß nicht so recht, ob ich deswegen stolz, amüsiert oder genervt sein soll.

Für mich heißt das nun erst einmal: alles wie gehabt. Die Radiologen haben bei einem Blick auf die operierte Stelle festgestellt, dass alles sehr gut verheilt und von Tom nichts übriggeblieben ist (was die Neuroradiologen wiederum nicht überprüfen konnten, weil mit der mitgegebenen CD irgendwas nicht in Ordnung war). Die regelmäßigen Kontrollen gehen trotzdem weiter. Irgendeine Ursache muss die Angiitis ja haben. Man darf gespannt sein, welche Phänomene sich noch enthüllen.